Karnevalisten in Köln feiern mit Bier, Masken und Kostümen, während im Hintergrund das Münchner Oktoberfest mit Brezeln und Bierkrügen zu sehen ist.
Gastbeitrag von Peter Schlüter (52)
Es ist eine dieser Ideen, bei denen man spontan lächelt – und dann kurz innehält. Die Roten Funken, dieses urkölsche Traditionskorps, ziehen es Richtung Süden, Richtung Zugspitze, Richtung Oktoberfest. Kölsch trifft Maß, Funkenuniform trifft Lederhose, Karneval trifft Wiesn (näheres dazu hier). Man kann das charmant finden, fast poetisch im Sinne eines deutschen Brauchtumsdialogs. Und doch bleibt ein leiser Zweifel, ob hier wirklich zwei gewachsene Kulturen auf Augenhöhe zueinanderfinden – oder ob sich nicht vielmehr zwei perfekt inszenierte Bühnen gegenseitig bestätigen.
Denn natürlich ist das Narrativ schnell zur Hand: Brauchtum verbindet, Tradition kennt keine Grenzen, Köln und München – zwei Städte, zwei Feste, ein gemeinsamer Geist. Das klingt nach Festrede, nach Vereinsbroschüre, nach genau der richtigen Mischung aus Pathos und Harmlosigkeit. Aber gerade darin liegt das Problem. Wenn alles sofort so rund klingt, lohnt es sich meistens, genauer hinzuschauen. Der Kölner Karneval war nie nur hübsch. Er war laut, widersprüchlich, manchmal respektlos, oft sehr lokal und sehr eigen. Und das Oktoberfest – bei aller Tradition – ist längst ein globales Spektakel, ein Ereignis, das sich selbst inszeniert, weil es gar nicht anders kann.
Die Roten Funken bewegen sich nun genau in diesem Spannungsfeld. Sie bringen Geschichte mit, und das ist keine kleine. Gegründet im frühen 19. Jahrhundert als Persiflage auf das preußische Militär, haben sie sich über die Jahrzehnte zu einer der tragenden Säulen des Kölner Karnevals entwickelt. Und vor allem: Sie haben Krisen überstanden, nicht nur organisatorisch, sondern existenziell. Wenn man auf das Jahr 1955 blickt, wird das besonders deutlich. Köln war noch gezeichnet vom Krieg, der Wiederaufbau lief, vieles war provisorisch, vieles noch nicht wiederhergestellt. Und trotzdem – oder gerade deshalb – waren die Funken aktiv, sichtbar, unterwegs. Die Reise zur Zugspitze damals war keine folkloristische PR-Aktion, sondern ein Zeichen: Wir sind wieder da, wir leben noch, wir tragen unsere Kultur weiter, auch über die Stadtgrenzen hinaus.
Das ist ein entscheidender Unterschied zu heute. 1955 ging es um Präsenz nach innen und außen, um Identität in einer Zeit, in der nichts selbstverständlich war. 2026 hingegen ist der Karneval fest etabliert, organisiert, wirtschaftlich relevant, medial präsent. Wenn die Roten Funken heute nach München fahren, dann tun sie das aus einer Position der Stärke heraus – und vielleicht auch aus einem gewissen Bedürfnis, diese Stärke zu zeigen. Das ist nicht verwerflich, aber es verändert die Bedeutung der Geste. Aus dem „Wir sind wieder da“ wird ein „Seht her, wir sind da“.
Und genau hier beginnt die leise Irritation. Denn Brauchtum lebt eigentlich davon, dass es nicht erklärt werden muss. Es entsteht aus der Gemeinschaft, aus dem Ort, aus den Menschen, die es tragen. Sobald es beginnt, sich selbst zu präsentieren, sich zu exportieren, sich bewusst in Szene zu setzen, verschiebt sich etwas. Es wird glatter, verständlicher, kompatibler – und vielleicht auch ein Stück weit harmloser. Der Karneval, der früher aneckte, wird zum Programmpunkt. Die Funken, die einst parodierten, werden selbst Teil einer großen Inszenierung.
Gleichzeitig wäre es zu billig, diese Reise einfach als folkloristische Selbstvermarktung abzutun. Dafür sind die Roten Funken zu sehr im Kölner Leben verankert, zu sehr geprägt von einer echten, gelebten Tradition. Man kann ihnen nicht ernsthaft unterstellen, dass sie ihren eigenen Ursprung vergessen hätten. Im Gegenteil: Vielleicht ist es gerade diese Sicherheit im eigenen Selbstverständnis, die solche Ausflüge überhaupt möglich macht. Wer weiß, wer er ist, kann sich auch zeigen, kann reisen, kann sich in andere Kontexte stellen, ohne sofort seine Identität zu verlieren.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Spannung dieser Geschichte. Es ist nicht die Frage, ob die Roten Funken nach München fahren sollten. Es ist die Frage, was dabei passiert – innerlich wie äußerlich. Wird der Karneval hier erweitert, bereichert, in einen neuen Zusammenhang gestellt? Oder wird er reduziert auf ein Bild, das sich gut präsentieren lässt, das anschlussfähig ist, das in jede Kamera passt?
Am Ende ist es wahrscheinlich – wie so oft im Rheinland – kein Entweder-oder. Es ist ein Sowohl-als-auch. Ein bisschen echte Begegnung, ein bisschen große Bühne. Ein bisschen Tradition, ein bisschen Marketing. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Beschreibung des modernen Karnevals: nicht mehr nur gelebte Praxis, sondern auch bewusst gestaltetes Ereignis.
Die Roten Funken fahren also zum Oktoberfest. Das ist eine nette Geschichte, eine mit historischem Echo, mit Verweis auf 1955, mit viel Symbolik. Aber sie ist auch ein Spiegel. Ein Spiegel dafür, wie sich Brauchtum verändert, wenn es nicht mehr nur für sich selbst existiert, sondern auch für andere. Und die entscheidende Frage bleibt leise im Raum stehen, ohne dass sie jemand laut stellen müsste: Wie viel davon ist noch Ausdruck – und wie viel schon Darstellung?