Köln, Ende der 60er Jahre: Die Domstadt ist im Aufbruch, auch musikalisch. Die Nachkriegsgeneration sucht nach neuen Ausdrucksformen, nach Identität zwischen Rock, Beat und dem Wunsch nach etwas Eigenem. In dieser Zeit entsteht 1970 eine Band, die in der Folge das kölsche Liedgut entscheidend prägen sollte – die Bläck Fööss. Doch bevor die Musiker Köln mit eigenen Liedern im Dialekt verzauberten, standen sie als „The Stowaways“ auf der Bühne – mit Gitarren, Pilzkopf und englischen Texten.
Die wilden Jahre als The Stowaways
The Stowaways – zu Deutsch: Die blinden Passagiere – waren eine typische Beatband der 60er. Sie spielten Beatles-Songs, Evergreens, was gerade angesagt war. Im Mittelpunkt: Sänger und Drummer Tommy Engel, Bassist Hartmut Priess, Gitarrist Werner Kühl und Keyboarder Erry Stoklosa. Man trat auf Stadtfesten, Partys und in Kneipen auf.
„Wir haben alles gespielt, was die Leute hören wollten – von den Beatles bis zu den Stones. Englisch war damals Pflicht, wenn du als Musiker ernst genommen werden wolltest“, erinnert sich Tommy Engel.
Doch irgendwann machte sich Unzufriedenheit breit. Die Band wollte mehr als nur covern. Die Frage stand im Raum, ob man nicht etwas Eigenes machen könne – etwas, das mehr mit der Stadt und ihrer Kultur zu tun hatte.
Die Wende zum Kölschen
Der Impuls zur Neuausrichtung kam nicht über Nacht. Es war ein Prozess, ausgelöst durch die gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit, aber auch durch die Erkenntnis, dass der kölsche Dialekt als musikalisches Ausdrucksmittel Potential hatte. Mitentscheidend war eine Begegnung mit dem Texter und Produzenten Hans Knipp.
„Ich habe damals mit dem Tommy überlegt, was wir eigentlich erzählen wollen. Und dann meinte er: ‚Et muss jet us Kölle sin. Jet met Hätz. Un op Kölsch.‘ Da hab ich gesagt: Dann lass uns das machen“, erinnert sich Knipp später.
Die Entscheidung war mutig: In einer Zeit, in der Hochdeutsch und Englisch in der Musik dominierten, plötzlich Lieder auf Kölsch zu schreiben, war keineswegs selbstverständlich. Doch genau das war die Geburtsstunde der Bläck Fööss – barfuß und echt.
Die Bläck Fööss: Barfuß, nah dran und unverstellt
1970 war es so weit: Teile der Stowaways sattelten um: Fortan traten sie als „Bläck Fööss“ auf – benannt nach der kölschen Redewendung für „nackte Füße“. Der Name war Programm: authentisch, bodenständig, nahbar. Die Band wollte nicht glänzen oder posieren – sie wollte erzählen.
„Der Name war ein Statement. Wir wollten keine Stars sein, sondern Typen von nebenan, die Musik machen, die den Leuten aus der Seele spricht“, sagte Tommy Engel später.
Ihr erstes Album erschien 1971 – mit Titeln wie „Rievkooche-Walzer“ und „Drink doch eine met“. Schnell sprach sich herum, dass da eine neue Stimme aus Köln zu hören war – frech, witzig, poetisch. Die Texte stammten oft von Hans Knipp oder wurden gemeinsam entwickelt. Die Musik war vielfältig: von kölschem Walzer über Latin-Einflüsse bis hin zu Soul, Jazz und Balladen.
Lieder mit Haltung: Vom Kneipenwitz zur Sozialkritik
Die Bläck Fööss waren nie nur Karnevalsband. Zwar wurden viele ihrer Lieder im Fastelovend gefeiert, doch ihre Musik hatte immer eine zweite Ebene. Songs wie „En unserem Veedel“ sind stille Hymnen auf die Solidarität in den Kölner Stadtteilen – und gleichzeitig kritische Kommentare zur Verdrängung kleiner Leute durch Gentrifizierung.
„Et es schön jenuch, wenn de en Witz verzälls“, so Hartmut Priess in einem Radiointerview. „Aber et is noch schöner, wenn dä Witz och e Waat drop hät. Mir han nie Musik nur zum Lachen jemaat – mir han Musik jemaat, die övver et Levve verzällt.“
Auch das Thema Migration griff die Band früh auf, etwa mit dem Lied „Katrin“, in dem ein kölscher Junge von seiner Liebe zu einem vietnamesischen Mädchen erzählt. Für die 70er war das politisch mutig und sozial relevant.
Ein halbes Jahrhundert kölscher Musikgeschichte
Über fünf Jahrzehnte hinweg blieben die Bläck Fööss fester Bestandteil des kulturellen Lebens in Köln. Der Ausstieg von Tommy Engel 1994, der Abschied von Hartmut Priess 2017 und die Veränderung der Besetzung über die Jahre haben am Kern der Band wenig verändert: die Liebe zur Stadt, zur Sprache, zur Musik.
Beim 50-jährigen Bühnenjubiläum im Jahr 2020 sagte Erry Stoklosa:
„Wir sind stolz, dass wir so viele Lieder gemacht haben, die für Menschen in Köln zu Lebensbegleitern wurden. Ob bei der Geburt, bei der Hochzeit oder bei der Beerdigung – dat es Musik, die bleibt.“
Und auch Tommy Engel, längst als Solokünstler erfolgreich, sagte im Rückblick:
„Ohne die Fööss gäb’s mich so nicht. Wir haben zusammen Musik erfunden, die vorher keiner gemacht hat. Und wir haben nie vergessen, wo wir herkommen.“
Vom Beat zur Seele einer Stadt
Was als Stowaways begann, wurde als Bläck Fööss zur Stimme einer Stadt. Keine andere Band hat so konsequent das kölsche Gefühl in Musik übersetzt – zwischen Humor, Melancholie und kritischem Blick. Die Bläck Fööss haben sich nie verstellt. Und genau deshalb bleiben sie das, was sie immer waren: ein Teil des kölschen Herzens.