Gastbeitrag von Doris Klein
Köln. Die Karnevalsband Brings hat sich bereits vor einiger Zeit entschieden, ihr Lied „Indianerland“ nicht mehr aufzuführen – und sorgt damit für Kopfschütteln unter Fans und Veranstaltern gleichermaßen. Offiziell heißt es, der Titel könne „zu Missverständnissen führen“. Doch was wie ein Akt der Sensibilität verkauft wird, wirkt auf viele wie ein vorschneller Kniefall vor überzogener Sprachkritik.
Symbolik statt Inhalt?
„Indianerland“ erschien 2015 als Hommage an das kölsche Gemeinschaftsgefühl – eine musikalische Selbstverortung im rot-weißen Stammesdenken der Jecken. In Zeilen wie „Rut-Wieß uns’re Stamm“ sehen viele Fans keine Diskriminierung, sondern Identifikation.
Dass ausgerechnet dieser Song nun auf den Index der politischen Korrektheit rutscht, überrascht. Weder die Melodie noch der Text bedienen sich billiger Klischees oder machen sich über indigene Kulturen lustig. Die „Indianer“ im Lied sind Symbolfiguren, keine Karikaturen. Brings selbst betonten wiederholt, dass das Lied keinerlei rassistischen Subtext enthalte.
Kulturverzicht aus Angst vor Kritik?
Trotzdem zieht die Band Konsequenzen – ohne öffentlichen Druck, ohne Boykott. Allein der Verdacht, falsch verstanden zu werden, reicht offenbar. Sänger Peter Brings erklärte, man wolle „keine Missverständnisse riskieren“.
Aber: Ist Missverständlichkeit heute schon ein hinreichender Grund für kulturellen Rückzug? Kritiker werfen der Band vor, sich aus vorsorglicher Konfliktvermeidung von der eigenen Kunst zu distanzieren. Der Vorwurf: vorauseilender Gehorsam gegenüber einem gesellschaftlichen Klima, in dem jeder Begriff auf seine „Korrektheit“ geprüft wird – egal in welchem Kontext.
Ein Stück Karneval verliert Farbe
In einer Zeit, in der der Kölner Karneval zunehmend bürokratisiert und durchreglementiert wird, sind kreative Impulse wichtiger denn je. Dass Brings – eine Band, die einst für Haltung, Reibung und Widerstand stand – nun ausgerechnet bei einem ihrer identitätsstiftenden Songs einknickt, empfinden viele Fans als Enttäuschung.
„Wenn sogar Brings sich der Angst beugt, wer soll dann noch Haltung zeigen?“, fragte ein langjähriger Veranstalter anonym in einer lokalen Sitzung.
Alternative wäre Differenzierung, nicht Schweigen
Es wäre durchaus möglich gewesen, den Song mit einer einordnenden Ansage weiterzuspielen, Kontext zu schaffen, Diskussionen zuzulassen. Stattdessen wird geschwiegen – und damit ausgerechnet das getan, was man vielen Karnevalisten seit Jahren vorwirft: Konflikte lieber meiden als aushalten.
Das Lied zu streichen, schafft keine Aufklärung. Es erzeugt Unsicherheit und sendet ein fragwürdiges Signal an Künstlerinnen und Künstler: Lieber löschen als erklären?
Der Karneval braucht keine Angstkultur
„Indianerland“ mag kein karnevalistischer Jahrhundert-Hit gewesen sein, aber es war ehrlich gemeint. Dass es nun ohne öffentliche Debatte still beerdigt wird, steht symptomatisch für eine Stimmung, die viele empfinden: Unsicherheit statt Klarheit, Rückzug statt Dialog.
Karneval lebt vom Austesten von Grenzen, nicht vom Vermeiden. Brings haben mit ihrer Entscheidung – wohl unbeabsichtigt – eine Grenze selbst gezogen: die zwischen Mut und Misstrauen.
Die Entscheidung der Band ist nicht skandalös – aber bezeichnend. Und vielleicht gefährlicher, als es ein vermeintlich „missverständlicher“ Liedtext je war.
Anmerkung: Es handelt sich um einen Gastbeitrag, der nicht notwendig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmt. Gastbeiträge gerne an: info@koelner-karneval.org
Hallo,
ich stimme dem Autor zum Thema „Indianerlied“ vollkommen zu.
Der Bringsfan, der genügend CDs gekauft hat, dürfte das Lied schon besitzen. Es gibt genug neue und alte Titel zum Verkaufen und Aufführen. Es geht Brings also vermutlich finanziell nichts verloren. Ob das Beibehalten des Titels einen Imageschaden und damit damit einen Umsatzeinbruch gebracht hätte? Oder haben solche Überlegungen gar keine Rolle gespielt?
Wir werden es nie überprüfbar erfahren.
Jedenfalls der Rückzug des Titels ist ein Zeichen für den (Umgangs-) Kulturverlust dieser Zeit, und nicht nur im Karneval