Verfrühte Buchungsphase sorgt für Aufruhr – Ehrenamtler sprechen von Vertrauensbruch
Veedel unter Druck: Künstler weg, Termine voll
Der Kölner Karneval erlebt derzeit einen Eklat, der viele kleine Karnevalsgesellschaften in Existenznot bringt. Hintergrund ist eine überraschende Vorverlegung der Buchungsphase für Künstler um zwei Monate. Normalerweise beginnt die Koordination für Auftritte von Bands und Rednern Mitte September – dieses Jahr wurde sie jedoch plötzlich auf Anfang Juli vorgezogen. Der sogenannte Literatenstammtisch, ein Zusammenschluss großer Karnevalsgesellschaften, hatte die Entscheidung bei seiner internen Versammlung gefällt – ohne vorherige Abstimmung mit allen Beteiligten.
Große Vereine reagierten blitzschnell und sicherten sich bereits wenige Tage später die Wunschkünstler für ihre Veranstaltungen. Für viele kleinere Gesellschaften kam die Nachricht jedoch zu spät. Ihre Literaten – oft ehrenamtlich tätig und in den Sommerferien abwesend – erfuhren teilweise erst Tage später von der Änderung. Als sie versuchten, ihre Programmpunkte zu buchen, waren viele Termine bereits vergeben.
Frust und Enttäuschung bei den Ehrenamtlichen
„Et hätt noch immer jot jejange? Diesmol nit“, sagt Anja H., eine langjährige Helferin einer Gesellschaft in Köln-Mülheim. „Wir haben keine Band, keine Redner – nichts. Und dabei hatten wir alles vorbereitet. Nur eben nicht für Juli.“ Sie ist nicht die Einzige, die sich übergangen fühlt. Viele kleinere Gesellschaften berichten von einem völligen Informationsmangel. Das Ergebnis: Sitzungen, die in Frage stehen, Veranstaltungen ohne Programm, finanzielle Unsicherheit.
Die Enttäuschung richtet sich nicht nur gegen den frühen Zeitpunkt der Buchung, sondern vor allem gegen die fehlende Transparenz. Ehrenamtliche, die viel Zeit und Engagement in die Planung stecken, berichten von einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer Struktur, die zunehmend zentralisiert und einseitig organisiert scheint. Es wird kritisiert, dass die großen Gesellschaften sich durch interne Informationen einen massiven Vorteil verschafft haben.
Künstler im Zwiespalt – Agenturen überrollt
Auch auf Seiten der Künstler sorgt die neue Situation für Spannung. Die gefragten Bands und Redner sind auf Wochen hinweg ausgebucht – ohne dass viele überhaupt mitbekommen haben, wie früh der Buchungsprozess begann. Während einige Agenturen unter Druck gerieten, die Anfragen der großen Auftraggeber bevorzugt zu behandeln, blieben kleinere Vereine auf der Strecke. Einige Künstler äußerten Verständnis für die Lage der Ehrenamtlichen, sehen sich aber ebenfalls machtlos, da Buchungen meist über professionelle Managements laufen.
Rücktritt, Risse und offene Fragen
Der Druck auf den Literatenstammtisch führte schließlich zum Rücktritt eines führenden Vertreters. Er sprach von einem „Debakel“ und „Schaden für das Ehrenamt“. Doch der Vertrauensverlust sitzt tief. Aus zahlreichen Veedeln wird gefordert, dass das Festkomitee Kölner Karneval künftig klare Regeln aufstellt, um alle Beteiligten gleichberechtigt zu behandeln.
Karneval braucht Fairness – sonst verliert er seine Seele
Der Kölner Karneval lebt nicht nur von Prunk und großen Namen. Sein Rückgrat sind die unzähligen kleinen Vereine, die mit Leidenschaft, Ehrenamt und Kreativität den Geist des Fastelovends bewahren. Wenn diese Strukturen durch Intransparenz und Übervorteilung geschwächt werden, verliert der Karneval seine Wurzeln. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob es möglich ist, gemeinsam eine Lösung zu finden – bevor in den Sälen statt Musik nur noch Schweigen herrscht.