
Gastbeitrag von Doris Klein (56), die nicht mehr alles lustig finden darf und sich fragt, ob das richtig ist.
Köln, fünfte Jahreszeit. Die Stadt wird bunt, laut und fröhlich – jedenfalls auf den ersten Blick. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Der Karneval befindet sich im Wandel. Was früher als harmloser Scherz, als ausgelassene Verkleidung oder als derbe Büttenrede durchging, steht heute immer öfter unter dem Verdacht der politischen Unkorrektheit.
Kostümierte Kontroversen
Jahrzehntelang zogen sie fröhlich durch die Veedel: als „Indianer“, „Zigeuner“, „Scheich“ oder mit schwarz geschminktem Gesicht als „Neger“. Ganze Gruppierungen, sogenannte „Negergruppen“ – zum Teil über Jahrzehnte Teil von Karnevalsumzügen – sind inzwischen Geschichte. Über sie ist nicht nur „die Zeit hinweggegangen“, sie wurden zum Symbol dessen, was heute nicht mehr geht. Der Vorwurf: kulturelle Aneignung, Rassismus, Klischeebildung. Die Folge: Rückzug oder Umbenennung, oft begleitet von hitzigen Diskussionen, nicht selten auch Unverständnis bei den Beteiligten.
Kritiker dieser Entwicklung sehen in der neuen Sensibilität eine Art Gesinnungskontrolle, ein übertriebenes Moralisieren, das dem Karneval seine ursprüngliche Funktion raubt: das Brechen gesellschaftlicher Normen für einen kurzen Moment im Jahr.
Die Befürworter entgegnen: „Alles hat seine Zeit“. Und folgern daraus: Was früher so war, muss nicht bleiben. Heute sei man „weiter“ – die Evolution schimmert hervor! – eben aufgeklärter und sensibler für die Gefühle der Betroffenen. Worauf die Kritiker spotten: inklusive solcher, die die Betroffenen gar nicht haben, aber richtigerweise haben müssten. Eine Unversöhnlichkeit der Positionen ist spürbar.
Die Bütt wird leiser
Auch die Büttenrede – einst der Freiraum für bissige Satire und schrille Typen – hat Federn gelassen. Was früher Applaus brachte, sorgt heute mitunter für öffentliche Empörung oder Shitstorms. Manch ein Redner überlegt zweimal, bevor er sich über bestimmte Politiker, Gendersternchen oder Klischees aus dem Rheinland lustig macht. Die Angst vor dem „falschen Witz“ ist spürbar. Der Karneval, so sagen manche, bekommt einen Maulkorb verpasst – von einer neuen Form der gesellschaftlichen Etikette, die nicht überall auf Zustimmung trifft.
Wenn das Kölsch nicht mehr schmeckt
Auch die Musik bleibt nicht unberührt. Trink- und Sauflieder, wie sie seit Jahrzehnten durch die Säle und Straßen schallen, stehen zunehmend in der Kritik. „Saufen, saufen, jeden Tag nur saufen“ – solche Refrains werden heute nicht mehr überall gern gehört. Jugendschutz, Alkoholprävention und öffentliche Verantwortung sind die neuen Stichworte. Einige Veranstalter reagieren bereits: Weniger Alkohol auf Sitzungen, keine expliziten Trinklieder im Kinderkarneval, sogar Textänderungen bei bekannten Songs.
Und dann gibt es da noch die Lieder, die aus ganz anderen Gründen auf dem informellen Index landen: Liedzeilen mit problematischen Begriffen, besungene Frauenkörper oder auch nur Lieder, die veraltete Rollenbilder bedienen. Selbst langjährige Karnevalisten – die „alten weißen Männer und Frauen“ – fragen sich: Darf man das noch singen – oder besser schweigen?
Zwischen Narrenkappe und Meinungspflicht
Der Kölner Karneval war immer ein Spiegel seiner Zeit – manchmal schrill, oft provokant, aber immer auch integrativ. Doch aktuell wandelt sich dieser Spiegel zur Lupe: Jede Geste, jedes Kostüm, jeder Refrain wird genau beobachtet. Und auch: die politische Meinung.
Das Festkomitee selbst erklärte mehrfach: Der Karneval stehe „für Weltoffenheit, Toleranz und Demokratie“. Die Konsequenz: Man könne und wolle niemanden dabei haben, der diese Werte nicht teilt. Gemeint in erster Linie: Sympathisanten der AFD.
Natürlich ist der Widerstand gegen extreme Meinungen wichtig – keine Frage. Aber manch einer fragt sich inzwischen: Wo hört die notwendige Abgrenzung auf, und wo beginnt Gesinnungskontrolle? Muss sich jede Tanzgruppe, jeder Veedelsverein nun politisch bekennen? Und was ist mit denen, die einfach nur feiern wollen – unpolitisch, ausgelassen, neutral? Sind die bereits verdächtig?
Zwischen Verantwortung und Verunsicherung
Klar ist: Der Kölner Karneval war nie unpolitisch. Ob Prinz oder Punk, ob Sitzung oder Straßenkarneval – er war immer auch ein Spiegel seiner Zeit. Doch heute scheint der Spiegel gesprungen: Zwischen dem berechtigten Anliegen, sich abzugrenzen, und der Sorge, dass der Karneval zur glattgebügelten Version seiner selbst wird, tobt ein kultureller Kleinkrieg.
Viele fragen sich: Wo bleibt der Spaß, wenn man aufpassen muss, ob man aneckt und aufgefordert wird, sich zu bekennen? Darf man sich überhaupt noch nach Lust und Laune verkleiden – oder ist das schon ein Statement? Und wer entscheidet eigentlich, was noch „jeck“ ist und was schon „nicht mehr geht“?
Was nun?
Der Kölner Karneval steht am Scheideweg. Zwischen berechtigter Rücksicht und übertriebener Rücksichtslosigkeit gegenüber Traditionen gilt es, einen Mittelweg zu finden. Der Karneval soll bunt bleiben, aber nicht blind. Laut, aber nicht verletzend. Und vor allem: offen – auch für Diskussionen, die unbequem sind.
Denn wenn der Karneval sich nur noch selbst zensiert, verliert er genau das, was ihn ausmacht: seine Freiheit.
Und ohne die ist er vielleicht korrekt – aber kein Karneval mehr.
Anmerkung: Es handelt sich um einen Gastbeitrag, der nicht notwendig mit der Meinung der Redaktion übereinstimmt. Gastbeiträge gerne an: info@koelner-karneval.org


























